Kolonialstein

am Völkerschlachtdenkmal

Auf dem Parkplatz vor dem Völkerschlachtdenkmal stehend, lohnt sich ein Blick in die Grünanlage rechter Hand. Ein wenig zugewachsen steht dort ein eher unscheinbarer Findling. Sieht man sich den Stein genauer an, lassen sich Spuren einer entfernten Inschrift erahnen. Bei einem Blick in eine Ausgabe der »Kolonialpost« von 1933 kann man der Herkunft des Steins auf die Schliche kommen. Auf einem am 4. Dezember 1932 aufgenommenen Bild sind dort ehemalige Kolonialkrieger und »Schutztruppensoldaten« abgebildet, die sich um den Stein mit seiner damaligen Inschrift »Deutsche, Gedenkt Eurer Kolonien« gruppieren.(1)

Aus der »Kolonialpost« 1933

Kolonialrevisionistisches Denkmal: Auf dem Stein wird der »verlorenen« Kolonien des Deutschen Reiches gedacht.

Ursprünglich sollte statt des Steins schon 1909 ein großes »Landes-Kolonial-Kriegerdenkmal« für die in den verschiedenen Kolonialkriegen gefallenen Soldaten errichtet werden. Dies plante zumindest der Königlich-Sächsische Militärverein China- und Afrika­krieger.(2) Aufgrund interner Unstimmigkeiten zogen sich die Vorbereitungen lange hin und erst 1914 bekam der Leipziger Bildhauer Georg Huth den Auftrag, das achteinhalb Meter hohe Denkmal zu errichten.(3) Da jedoch der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die Gelder anderweitig benötigt und so blieb es lediglich bei dem Entwurf. Das Deutsche Reich besaß nach dem Krieg keine Kolonien mehr und so bekam das schließlich errichtete Denkmal, der Kolonialstein, eine andere Bedeutung. Statt der umgekommenen Soldaten wurde nun der verlorenen Kolonien gedacht. Der Stein war somit Ausdruck der propagandistischen Bestrebungen des Kolonialrevisionismus, einer politischen Strömung, die zwischen den Weltkriegen eine wichtige Rolle im Deutschen Reich spielte.

Die stille Tilgung der Inschrift steht wiederum exemplarisch für den Umgang der DDR mit der kolonialen Geschichte und deren Hinterlassenschaften. Anders als in der Bundesrepublik Deutschland blieben die kolonialen Denkmäler und Straßennamen nicht einfach unkommentiert im Stadtbild erhalten, sondern wurden entfernt. Allerdings fand auch keine breite öffentliche Diskussion über die Denkmäler oder die koloniale Vergangenheit statt. Inwieweit diese Geschichtspolitik einer kritischen Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus dienlicher ist, als das einfache Totschweigen in der westdeutschen Nachkriegsöffentlichkeit, lässt sich diskutieren.

  • (1) Vgl. Kolonialpost, 1933, S.18.
  • (2) Vgl. Leipziger Zeitung, 28.4.1914.
  • (3) Vgl. Joachim Zeller: »A Colonial Monument?« In Adam Jones (Hg.): Africa in Leipzig. A City Looks at a Continent 1730 – 1950. Institut für Afrikanistik: Leipzig 2000, S. 11.
Abbildungen dieser Seite:

links: Archiv der Leipziger Volkszeitung | rechts: Jochen Lingelbach

Der Kolonialstein heute

In der DDR wurde die Inschrift des Steins getilgt. Allerdings fand dennoch keine breite gesellschaftliche Debatte über die koloniale Vergangenheit statt.