Der Leipziger Zoo: Von der Völkerschau zum Afrika-Abend

Pfaffendorfer Straße 29

Die Verbindung des Leipziger Zoos zum Deutschen Kolonialismus erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Schaut man sich beispielsweise die offizielle Internetseite des Zoos an, wird man keinerlei Hinweise auf Völkerschauen finden. Und dies, obwohl diese Art der Zurschaustellung einst ein festes Standbein neben der Ausstellung von Tieren war. Heutzutage wird »exotisches« Flair zum Beispiel über einen Besuch in der Kiwara Lodge des Zoos hergestellt, mit »typisch afrikanischen Spezialitäten(1) mit einem traumhaften Blick auf die Savanne mit Giraffen, Zebras oder Säbelantilopen. Manchmal kommen die Tiere während der Zoo-Öffnungszeiten bis an die Terrasse der Lodge heran«.(2)

Zoo 1913, Lageplan

Lageplan des Zoos von 1913. Zwischen Bären- und Raubtierhaus befand sich die sogenannte Völkerbühne.

Der Leipziger Zoo wurde 1876 von dem Gastwirt Ernst Pinkert gegründet. Pinkert war ein Freund des Hamburger Zoodirektors und wohl bekanntesten Organisators von Völkerschauen, Carl Hagenbeck. So ist es auch kein Wunder, dass neben Alligatoren und Schildkröten schon im Jahr der Eröffnung Menschen ausgestellt wurden. Die für betrachtenswert erachteten Personen waren dabei natürlich nicht Sachsen, Bayern oder Franzosen, sondern zum größten Teil VertreterInnen kolonisierter Gesellschaften.

 

Der Zoodirektor richtete zwischen Raubtier­haus und Robbenbecken extra eine »Völkerwiese« für die Menschenschauen ein.(3) Die später daneben erbaute und mit Urwaldkulissen versehene »Völkerbühne«, auf der ebenfalls Aufführungen stattfanden, wurde im Volksmund »Hotel zum wilden Mann« genannt.(4) Bis zur letzten Schau im Jahr 1931 fanden dort etwa 40 Völkerschauen statt. Damit war der Leipziger Zoo nach Hamburg und Berlin einer der wichtigsten Orte für Völkerschauen in Deutschland.

Die feste Einbindung in den Zoobetrieb zeigt sich auch in einem Artikel aus dem Jahr 1928, der in der Zeitschrift »Leipziger Hausfrau« anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Zoos erschien: »Durch geschickte Verbindung mit volkstümlichen Vergnügungsgelegenheiten, einer Rollschuhbahn, im Winter einer Eisbahn, mit Schaustellungen von Gruppen fremder Völker verstand es Pinkert, den Zoo zu einer damals schon großzügigen Anlage zu machen und sich einen ungeheuren Zuspruch zu sichern.«(5)

Es gab drei Typen von Völkerschauen: »Die zirkusähnliche Schau, das sogenannte Eingeborenendorf und die ›freak show‹«.(6) Bei der zirkusähnlichen Schau beobachteten die ZuschauerInnen das Geschehen von außen, während die Errichtung eines »Eingeborenendorfes« es dem Publikum ermöglichte, die Hütten zu betreten. In den »Freak-Shows« wurden vordergründig »abnormale körperliche Eigenarten« zur Schau gestellt.

Eines der wenigen Dokumente, in denen die Erfahrungen der Teilnehmenden direkt dokumentiert sind, ist das Tagebuch von Abraham, dem Teilnehmer einer »Eskimo-Völkerschau«: »Do 7. Nov. Hatten wir wieder betrübtes gehabt. Unser Gefährte, der led. Tobias wurde von unserm Herrn Jakobsen mit der Hundepeitsche gehauen …«(7). Abraham war Teilnehmer der »Eskimo-Völkerschau« und starb wie alle anderen an Pocken. »Der Herr Jakobsen« ist einer der Brüder Jakobsen, deren ethnographische Sammlung aus Nordwestamerika 1885 vom Leipziger Völkerkundemuseum gekauft wurde.

Eine Zurschaustellung von Menschen im Leipziger Zoo war zum Beispiel die sogenannte Schau der »Lippen-[N*]«, die 1930 Menschen der Sara (im Süden des heutigen Tschad, Zentralafrikanische Republik) vorführte. Insbesondere den Frauen wurde der »Charakter einer ganz besonderen Attraktion durch die geradezu unvorstellbar großen Lippenpflöcke« attestiert.(8) Hier wird mehr als deutlich, dass die ausgestellten Menschen als bloße Objekte gesehen wurden. In einem zeitgenössischen Artikel in der Leipziger Volkszeitung wurde außerdem abwertend über das Aussehen besonders der Sara-Frauen berichtet und zum Beispiel das vermeintlich Abstoßende des Lippenpflockes hervorgehoben.(9)

Anders, jedoch nicht weniger problematisch wurde die einige Jahrzehnte zuvor (Juni bis August 1894) stattfindende Schau Lebende Bilder – Die Suaheli-Karawane beschrieben. Die Presse berichtete dieses Mal positiv exotisierend: »Weder die Frauen noch die Männer der Karawane haben das Unsympathische, ja Abstoßende, das wir sonst bei den Kaffernarten bemerken, an sich, im Gegentheil [sic!], einige Figuren machen sogar einen ganz angenehmen Eindruck«.(10) Des Weiteren wurden äußerliche Merkmale ausführlich beschrieben und die Suaheli als schöner und weniger primitiv gezeigt – passend zum Bild des »Edlen Wilden«, welches zum Beispiel auch in Romanen kolportiert wurde.(11)

Der in den zeitgenössischen Presseartikeln betonte angebliche ethnologische Bildungscharakter war im Prinzip nur ein weiterer Attraktionspunkt, der den allgemeinen Unterhaltungswert höchstens unterstützte. Das Konzept der Zurschaustellung ist vergleichbar mit einer Theatervorstellung, die Unterhaltung bieten soll.(12) Der Objektcharakter der ausgestellten Menschen wird besonders deutlich in der Einbettung der Völkerschauen im Zoologischen Garten, wo sie die Eisbärendressur und Känguruschau ergänzen sollten. Zudem suggerierte die Nähe der Ausgestellten zur Tierwelt nicht nur die räumliche Verbindung, sondern auch die angebliche Überschneidung von Charaktereigenschaften, wie Wildheit, Ursprünglichkeit, Stolz, kriegerische Fähigkeiten etc. Dies sind im Übrigen alles Elemente, die man auch in den Berichten und Bildern von der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika wieder finden konnte.

Die mediale Darstellung der BewohnerInnen Afrikas (bzw. generell die Darstellung von NichteuropäerInnen) bediente und bedient sich oftmals exotisierender Klischees und Stereotype. Über die Verbindung zur »wilden Natur« wird der/die so negativ Beschriebene zu einem Gegenentwurf des »zivilisierten« Europäers, zu einer Projektionsfläche für Fremdzuschreibungen, von denen eine Abgrenzung möglich ist (z.B. barbarisch, unzivilisiert, exotisch usw. versus gebildet, zivilisiert, normal etc.).

Bis heute zeigt sich, dass seit Beginn der kolonialen Phase mit einer bestimmten Bilderwelt und einem gewissen Vokabular in Darstellungen und Medienberichten gearbeitet wird. So werden im Hinblick auf den afrikanischen Kontinent oft das Zusammenleben in Stämmen, das Sprechen von Dialekten (statt Sprachen), der »natürliche« Rhythmus, die martialischen Kämpfe und Initiationsriten sowie sexuelle Freizügigkeit thematisiert. Dagegen gilt es anzugehen und differenzierte Bild- und Wortwelten zu etablieren.

  • (1) Eigentlich sollte klar sein, dass ein Kontinent mit circa 1 Milliarde BewohnerInnen nicht über ein typisches Essen verfügt, sondern über unzählige regionale Eigenheiten. Auch wenn es schwer sein mag, dieser Tatsache Rechnung zu tragen, wäre es im 21. Jahrhundert wünschenswert, dass der Zoo zumindest im Ansatz seine weiterhin kolonial geprägten Bild- und Wortwelten differenziert – nicht nur im Hinblick auf seine Vergangenheit als Austragungsort von Völkerschauen.
  • (2) Zoo Leipzig: -› Auf zur Safari der Sinne
  • (3) Vom 01. – 17.09.1876 fand mit der von Hagenbeck organisierten Völkerschau »Afrikanische Wüstenjäger« die erste im neu eröffneten Zoo statt. Vgl. Mustafa Haikal und Jörg Junhold: Auf der Spur des Löwen. 125 Jahre Zoo Leipzig. Pro Leipzig: Leipzig 2003, S. 64.
  • (4) Vgl. ebd., S. 53.
  • (5) Ohne Verf.: »Ein halbes Jahrhundert Leipziger Zoo.« In Leipziger Hausfrau, 1928. Archiv des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, Dokumentkarton IG 145.
  • (6) Helmut Zedelmaier: »Das Geschäft mit dem Fremden. Völkerschauen im Kaiserreich.« In Nils Freytag und Dominik Petzold (Hg.): Das »lange« 19. Jahrhundert. Alte Fragen und neue Perspektiven. UTZ: München 2007, S. 195.
  • (7) Tagebuch von Abraham, übersetzt von Bruder Kretschmer 1880: 7.11. nach Thode-Arora 1989, S. 125.
  • (8) Leipziger Volkszeitung: Sudan[n*] im Zoo, 07.07.1930.
  • (9) Vgl. ebd.
  • (10) Leipziger Neueste Nachrichten: Die Suaheli-Karawane, 01.07.1894.
  • (11) Vgl. Erika Dettmar: Rassismus, Vorurteile, Kommunikation. Afrikanisch-europäische Begegnung in Hamburg. Dietrich-Reimer-Verlag: Berlin/Hamburg 1989.
  • (12) Vgl. Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung »exotischer« Menschen in Deutschland 1870 – 1940. Campus: Frankfurt a.M./New York 2005, S. 150ff.
Abbildungen dieser Seite:

links oben: aus: Gebbing, Johannes: 50 Jahre Leipziger Zoo. Festschrift von 1928, S. 14.

»Leipziger Tageblatt« v. 25.07.1894

Mit Menschenschauen wie der »Suaheli-Karawane« präsentierte der Zoo Bilder von »Edlen Wilden«, die den BesucherInnen als Projektionsfläche für Fremdzuschreibungen dienten. (Anzeige im »Leipziger Tageblatt« vom 25.07.1894)

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