Sächsisches Forschungsinstitut für Völkerkunde

heute: Institut für Ethnologie, Schillerstraße 6

Gleich neben der »Mensa am Park«, wo sich heute um die Mittagszeit Studierende, FahrradfahrerInnen und Autos drängeln, befindet sich das Leipziger Institut für Ethnologie. Gegründet wurde es 1914 als »Sächsisches Forschungsinstitut für Völkerkunde«, mit Sitz im alten Grassimuseum. Klares Ziel des jungen Instituts war es damals, durch die eigene Forschung und Lehre den Anspruch auf Rückgewinnung der ehemaligen deutschen Kolonien und damit auf Wiederherstellung der deutschen Weltgeltung belegen zu können.

Otto Reche

Otto Reche verknüpfte die Völkerkunde mit der »Rassen-kunde« und war somit Wegbereiter der NS-Ideologie.

Im Jahr 1927 erfolgte die Trennung vom Museum und das Institut zog in die Schillerstraße 6, wo es sich bis heute befindet. Der neue Direktor Otto Reche ergänzte die Völkerkunde des Instituts um den Bereich »Rassenkunde«. Er suchte mit Methoden der physischen Anthropologie nach vermeintlichen »Ur-Rassen«, setzte sich für »Rassenhygiene« ein und war somit Wegbereiter der NS-Rassenideologie. Schon 1932 gründete er die Leipziger Ortsgruppe der Gesellschaft für Rassenhygiene.

Dass Reches Arbeit auch auf LeipzigerInnen mit afrikanischem Hintergrund direkte Auswirkungen hatte, zeigt u.a. ein Brief, den er am 8. März 1934 an den Leipziger Polizeidirektor sendete.(1) Darin schreibt er, dass er im Interesse der »Rassenpflege« an seinem Institut ein Register der in Sachsen lebenden »Bastarde« erstellen wolle und bittet die Polizei um Mithilfe bei der Lokalisierung dieser Personen.

Hendrik Verwoerd

Hendrik Verwoerd arbeitete ab 1950 als »Minister für Eingeborenenfragen« in Südafrika an der Etablierung des rassistischen Apartheidsystems mit.

 

Ein Export der rassistischen Ideologie nach Südafrika fand in der Person von Hendrik Verwoerd statt. Dieser promovierte 1927 am Leipziger Institut und setzte ab 1950 als »Minister für Eingeborenenfragen« in Südafrika seine Ideen in die Praxis um. Dies war der Anfang des Apartheidsystems.

Nicht zu vergessen ist, dass die Ethnologie als akademische Disziplin ein Kind des Kolonialismus ist: Neben der exotisierenden Neugier gegenüber den fremden Gesellschaften bestand ein konkreter Bedarf an Wissen über die Eroberten zum Zweck der effizienteren Verwaltung, welches sich die Kolonialbehörden von den EthnologInnen erhofften.(2) Darüber hinaus trug die Ethnologie durch die Erforschung der vermeintlichen »Wilden« zur Konstruktion jenes »Anderen« bei, durch das sich EuropäerInnen als zivilisiert imaginieren konnten. Dieses koloniale Setting bestimmt das Fach bis heute: »Zumeist forscht ein weißer Forscher über nicht weiße Menschen ehemaliger Kolonien.«(3)

  • (1) Vgl. Katja Geisenhainer und Bernhard Streck: »Ethnology and ›racial science‹.« In Adam Jones (Hg.): Africa in Leipzig. A city looks at a continent; 1730 – 1950. Institut für Afrikanistik: Leipzig 2000, S. 14.
  • (2) Vgl. Nike Herrberg und Caroline Willand: »Die Suche nach dem verlorenen Fremden. Ethnologie – Tochter des Kolonialismus oder postmoderne Wissenschaft?« In iz3w Nr. 257, Nov./Dez. 2001, S. 28 – 31.
  • (3) Thomas Brückmann: »Staubfänger aus Afrika. Wie der Europäer das exotische »Andere« entdeckte und es bis heute in ethnologischen Museen ausstellt.« In Jungle World Nr. 17 vom 25.04.2007.
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Zum Weiterlesen:

  • Sabine Schupp: Die Ethnologie und ihr koloniales Erbe. Ältere und neuere Debatten um die Entkolonialisierung einer Wissenschaft. Lit: Hamburg 1997.
  • Christoph Seidler: »Die deutsche Ethnologie und der Kolonialismus.« In: iz3w Nr. 276, April/Mai 2004, S. 36 – 38.
  • Homepage des Instituts für Ethnologie