Institut für Geographie, heute: Johannisallee 19 a

Ratzelstraße und Ratzelbogen, (benannt nach Friedrich Ratzel)

Ähnliche Entwicklungen wie das Völkerkundemuseum machte die Geographie an der Universität Leipzig. Das Seminar für Geographie wurde 1883 unter Freiherr Ferdinand von Richthofen (1833 – 1905) eingerichtet. Richthofen war China-Reisender und setzte sich nach seiner Rückkehr in einer Denkschrift an Bismarck für den Erwerb der Kolonie Kiautschou / Jiaozhou ein. Die Erschließung der chinesischen Kohlevorkommen sollte von dort erfolgen, und ein Marinestützpunkt sollte die deutsche Seegeltung erhöhen. Kurz nach Erscheinen seiner Schrift »Kiautschou – Seine Weltgeltung und voraussichtliche Bedeutung« (1897) besetzte die deutsche Marine Kiautschou und Bismarck erwarb die Kolonie ein Jahr später als Pachtgebiet von der chinesischen Regierung.

Richthofens Nachfolger wurde 1886 der Begründer der Anthropogeographie Friedrich Ratzel. Auch er war ein lebhafter Verfechter des Kolonialgedankens und Mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft. Seine Meinung zur Kolonialfrage findet sich unter anderem in dem Bändchen »Wider die Reichsnörgler« von 1884:

»Der Baum jedes kräftigen Volkstums hat seine Wurzeln längst über die Grenzen hinausgetrieben, die Geschichte und Natur ihm zuerst angewiesen. Immer weiter streben sie, immer dichter drängen sie sich, die durstigen Saugwurzeln nationaler Größe und Reichtums, die rückständigen Völker machen Platz, wenigen Kulturvölkern gehört offenbar die Welt. Und damit hat denn fast jeder unter uns, welchem Stande er angehöre, auch heute seine überseeischen Interessen …«(1)

In Leipzig sind eine Straße sowie das Kaufhaus am Ratzelbogen im Stadtteil Grünau nach Ratzel benannt.

Hans Meyer, 1929

Hans Meyer, 1929

Hans Meyer

Ein anderer wichtiger Vertreter der Geographie in Leipzig war Hans Meyer. Er ist heute vor allem dafür bekannt, als erster Europäer den Kilimandscharo bestiegen zu haben, der damals »Kaiser-Wilhelm-Spitze« genannt und als »höchster Berg im Deutschen Reich« gefeiert wurde.

Hans Meyer war der Sohn und Nachfolger von Joseph Meyer, dem Gründer des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Herausgeber von »Meyers Konversationslexikon« sowie dem Duden. Er war ein klarer Kolonialbefürworter und hatte durch den Verlag und das damit verbundene Vermögen großen Einfluss in Wissenschaft und Politik. Ab 1915 war er Professor für Kolonialgeographie am eigens dafür eingerichteten Lehrstuhl und darüber hinaus Leiter der Kommission für die landeskundliche Erforschung der deutschen Kolonien.

Seine Haltung zum deutschen Kolonialismus sei exemplarisch an ein paar Zitaten aus dem Zeitschriftenaufsatz »Gegenwart und Zukunft der Deutschen Kolonien« von 1916 veranschaulicht:

»Die schändliche Absicht, die gesamte deutsche Kulturarbeit in Kamerun zu zerstören, die Deutschen auszutreiben und sie durch schimpfliche Behandlung bei den Eingeborenen zum Gespött zu machen, ist den Engländern und Franzosen gründlich gelungen. Das deutsche Ansehen ist auf lange Jahre zerrüttet; es wird einer festen Faust bedürfen, um es namentlich unter den Kameruner Küsten[n*]n wieder aufzurichten.«(2)

Über die Pläne für die Zeit nach dem gewonnenen Krieg schreibt er:

»Die für unsere Volkswirtschaft erforderliche Ergänzung dieser Einseitigkeit des tropischen und subtropischen Afrika müssen wir deshalb auch außerhalb Afrikas suchen.«(3)

Das Grab des 1929 gestorbenen »Afrikaforschers« findet sich auf dem Leipziger Südfriedhof.

  • (1) Ratzel, Friedrich: Wider die Reichsnörgler. Ein Wort zur Kolonialfrage aus Wählerkreisen. R. Oldenbourg: München 1884, S. 8.
  • (2) Meyer, Hans: Gegenwart und Zukunft der Deutschen Kolonien. Mittler: Berlin 1916, S. 9.
  • (3) Ebd., S. 71.
Abbildungen dieser Seite:

Mitte und rechts: Wikimedia

Hans Meyers Grabstelle auf dem Leipziger Südfriedhof

Hans Meyers Grabstelle auf dem Leipziger Südfriedhof. Die Inschrift Impavidi progrediamur – Unerschrocken wollen wir vorwärtsschreiten – verweist darauf, mit welcher rücksichtslosen Einstellung Meyer bei seinen Expeditionen vorging.