Das Museum für Völkerkunde

heute: Stadtbibliothek, Wilhelm-Leuschner-Platz 10

Vielen LeipzigerInnen ist das große Gebäude südlich des Wilhelm-Leuschner-Platzes als Sitz der Stadtbibliothek bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, dass das Haus eigens für das seit 1869 bestehende Völkerkundemuseum gebaut und 1895 fertig gestellt wurde. Dies spiegelt sich auch in der Fassadengestaltung wider: So sieht man dort etwa das Portrait einer »Amazone« aus der Armee des Dahomey-Reichs(1), das zu jener Zeit von Frankreich besiegt wurde. Das Völkerkundemuseum entstand halb-privat und vergrößerte seine Sammlung vor allem zwischen 1896 und 1918. Der Erwerb der deutschen Kolonien führte dazu, dass deutsche Reisende aus diesen Gebieten Objekte mitbrachten. Aber auch von Expeditionen in andere Regionen Afrikas und der Welt wurden viele Ausstellungsstücke dem Museum überlassen.

Wie die ExpeditionsteilnehmerInnen und »AfrikaforscherInnen« in Afrika vorgingen, zeigt sich drastisch im Fall von Hermann von Wissmann, der eine Reihe von Objekten aus Zentralafrika mitbrachte. Als er 1883 – 1885 für den belgischen König Leopold II. das Gebiet der heutigen Demokratischen Republik Kongo beforschte, folgte er seinem Leitspruch »Finde ich keinen Weg, so bahne ich mir einen« und erschoss mehrere BewohnerInnen. Beim Sammeln von Ausstellungsstücken dürfte er auch nicht allzu lange diskutiert haben.

Der Direktor des Völkerkundemuseums, der Geograph Prof. Dr. Karl Weule, wurde 1905 von der Kolonialabteilung des Außenministeriums mit der Koordination der Forschungstätigkeiten in den deutschen Kolonien beauftragt. Er brach 1906 zu einer Expedition nach Deutsch-Ostafrika auf, musste vor Ort aber aufgrund des Ausbruchs des Maji-Maji-Krieges(2) seine Reisepläne ändern. Trotzdem gelang es ihm mit Unterstützung der Kolonialbehörden viele ethnographische Objekte, Fotos, Filme und Tonaufnahmen mit nach Deutschland zu bringen. 1908 veröffentlichte er im Leipziger Brockhaus-Verlag das Buch »[N*]leben in Ostafrika – Ergebnisse einer ethnologischen Forschungsreise«.

Auch wenn er in diesem Buch teilweise die grausamen Folgen des Maji-Maji-Krieges kritisiert, so sind seine Grundannahmen doch rassistische. Zum Beispiel geht er von drei »Urrassen« aus, namentlich »Weiße, Gelbe und Schwarze« und beschreibt die OstafrikanerInnen immer wieder als »große Kinder«. Auch äußert er ein gewisses Verständnis für das brutale Vorgehen der deutschen »Schutztruppe«.

Das Völkerkundemuseum zog 1927 in das neue Grassimuseum am Johannisplatz um, wo es sich auch heute noch befindet.

  • (1) Dahomey war ein westafrikanisches Königreich an der Küste der Bucht von Benin, das etwa 1720 entstanden ist und eine wichtige Rolle im Fernhandel sowie im transatlantischen Sklavenhandel spielte. 1894 wurde Dahomey von Frankreich erobert und als Teil von Französisch-Westafrika kolonisiert.
  • (2) Im Maji-Maji-Krieg (1905 – 1908) kämpfte die einheimische Bevölkerung im Süden Deutsch-Ostafrikas gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Der Krieg und die darauf folgende Hungersnot forderten beinahe 300.000 Todesopfer. Er gilt er als einer der größten Kolonialkriege in der Geschichte des afrikanischen Kontinents.
Abbildungen dieser Seite:

rechts oben: Jochen Lingelbach

Fassadenfigur an der heutigen Stadtbibliothek

Eine der Fassadenfiguren an der heutigen Stadtbibliothek stellt eine »Amazone« dar und spiegelt exotistische Stereotype über die KämpferInnen des Dahomey-Reichs.